Ratgeber Tourette Syndrom
Informationen für Betroffene und Interessierte
Was ist das Tourette-Syndrom?
Das Tourette-Syndrom gehört zu den neurologisch-psychiatrischen Krankheiten. Als neurologische Krankheit betrifft es das Nervensystem, während die Komponente „psychiatrisch“ das Tourette-Syndrom zugleich in die Reihe seelischer Erkrankungen eingliedert. Charakteristisch für das Tourette-Syndrom sind sog. Tics. Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) definiert Tics als eine „unwillkürliche, rasche, wiederholte, nichtrhythmische Bewegung meist umschriebener Muskelgruppen oder eine Lautproduktion, die plötzlich einsetzt und keinem erkennbaren Zweck dient.“
Zu den Tics beim Tourette-Syndrom können etwa wiederholtes Blinzeln, Hüpfen, Schulterzucken, aber auch der Gebrauch von Schimpfwörtern gehören. Das Magazin Der Spiegel hat Tics einmal mit dem Niesen verglichen: Man kann sie bisweilen unterdrücken, aber nicht auf Dauer aufhalten. Tics sind also keine Angewohnheiten, die Betroffene mit Willensstärke unterbinden können.
Tourette-Syndrom: Tics sind nicht gleich Tics
- Bei den Tics beim Tourette-Syndrom werden einerseits motorische und vokale Tics unterschieden. Das beispielhaft erwähnte stetig wiederholte Blinzeln wäre ein motorischer Tic, während ein sich wiederholendes Zungenschnalzen ohne erkennbaren Grund, ein Quieken, Fiepen oder der unkontrollierende Gebrauch von Schimpfwörtern zu den vokalen Tics gehören.
- Beim Tourette-Syndrom unterschieden werden daneben einfache von komplexen Tics. Einfache motorische Tics sind etwa Blinzeln, Kopfschleudern und Bewegungen des Mundes, die oftmals schnell ablaufen. Zu den komplexen motorischen Tics zählt unter anderem das Rotieren um die eigene Achse, das unwillkürliche Zeigen obszöner Gesten oder auch ein sich selbst verletzendes Verhalten. Einfach vokale Tics sind etwa Grunzen, Fiepen oder Räuspern, während das Ausstoßen obszöner Wörter oder das Wiederholen gerade eben selbst gesprochener Wörter zu den komplexen vokalen Tics beim Tourette-Syndrom gehören.
- Die ICD-10 unterscheidet darüber hinaus vorübergehende Ticstörungen, die maximal zwölf Monate anhalten, von chronischen Varianten, bei denen motorische oder vokale Tics (nicht beide) länger als ein Jahr lang auftreten.
Wann spricht man vom Tourette-Syndrom?
Bei Patienten mit Tourette-Syndrom treten meist ein vokaler und mehrere motorische Tics vor dem achtzehnten Lebensjahr des Patienten auf. Das Auftreten der Tics muss allerdings keineswegs gleichzeitig geschehen, damit man von einem Tourette-Syndrom spricht. Der InteressenVerband Tic & Tourette Syndrom nennt folgende Zusatzkriterien, die für die Diagnose Tourette-Syndrom gegeben sein sollten: Die Tics treten mehrfach am Tag in einem Zeitraum von über einem Jahr auf und bei Betroffenen gibt es maximal zeitliche Phasen von drei Monaten, in denen sie komplett frei sind von Tics.
Benannt ist das Tourette-Syndrom nach dem französischen Arzt Georges Gilles de la Tourette. Von ihm stammt eine wissenschaftliche Beschreibung des Syndroms aus dem Jahr 1885. Zeitweise geriet seine Beschreibung des Syndroms aber in Vergessenheit, sodass es auch bei vorhandenen Symptomen nicht diagnostiziert wurde. Das Tourette-Syndrom kann von einer Reihe anderer Krankheiten oder Störungen begleitet werden, etwa von Zwängen, Angststörungen oder einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.
Ansgar Sadeghi